[*.txt] – Gratwanderung

“Aber nicht selbstgemacht!”

So schimpfte K3 vor ein paar Tagen, als wir über die Möglichkeiten sprachen, die wir haben, ihr ein neues Bett zu beschaffen. Neu steht in dem Fall für anders, eine Nummer größer, denn die Kleine ist ganz schön gewachsen.

“Nicht selbstgemacht!!!” sagte sie mit Vehemenz und Grimmigkeit ihn ihrem sonst so sanften Gesicht.

Mich  lässt das nicht los, auch wenn das Bett schon gar kein Thema mehr ist.

Wieviel selbstgemacht ist denn ok? Was heißt denn “selbstgemacht”? Leiden die Kinder darunter, dass wir sehr wenig konsumieren und eher viel aus Grundprodukten selbst herstellen?

Für mich ist “selbstgemacht” etwas, was im nicht erst im letzten Schritt selbst gefertigt wurde. Ein Möbelstück, welches in Einzelteilen geliefert und selbst montiert wird, ist in meinen Augen nicht selbst gemacht. Doch warum nicht? Wenn ich Nudeln kaufe und Tomaten und Kräuter und die zu einem Essen zusammenbringe, ist es doch auch selbst gemacht? So richtig klar ist mir selbst die Definition also nicht.

Und gibt es eine sinnvolle Grenze, die es einzuhalten gilt, damit die Kinder in der Schule integriert sind? Können die elterlichen Ideale für die Kindesentfaltung in der Gruppe hinderlich sein? Gibt es einen Punkt, an dem das “selbst machen” aufhören sollte?

Ich denke, das kann man nicht allgemein voraussagen. In der Schule unserer Kinder gibt es Vielfalt, und das tatsächlich und nicht nur auf dem Papier. Es gibt Kinder, die keine oder nur teilweise Industrieware tragen, aber es gibt auch Eltern, und damit auch Kinder, die auf aktuelle Trends und Labels viel Wert legen. Das ist in Ordnung.

Es gibt Kinder, die viel Spielzeug besitzen, die Kataloge mitbringen und über die neuesten Modelle der Spielekonsolen so viel wissen, dass sie so manche*n Verkäufer*innen im Elektronikmarkt an die Wand beraten könnten. Das ist in Ordnung.

Es gibt Kinder, die reden wenig und lesen immerzu, so dass sie gegen Pfeiler laufen. Das ist in Ordnung.

Dann ist es wohl in Ordnung, dass K3 ihre Strickjacke nicht wirklich oft anziehen mag.

Genauso ist es in Ordnung, dass K2 und K1 ihre Streifenpullis eigentlich nie ausziehen wollen.

Ich muss es nur für mich annehmen. Nur weil ICH gern alles selbstgemacht mag und Matze auch und die Jungs ebenso, muss das mit Madame nicht genauso sein. Zumindest im Moment.

Und wenn sie sich in ihrer Strickjacke nicht wohlfühlt, na dann ist das eben so. Ihr unsere Werte vorzuleben, ist unsere Aufgabe, nicht, ihr unsere Werte vorzuschreiben. Unsere Aufgabe ist es auch, dafür zu sorgen, dass sie sich in ihrem Umfeld wohl fühlt, auch wenn wir eine andere Auffassung haben.

Müssen wir dafür mit unseren Werten brechen? Nein. Es wird keine rosa Plastikjacke geben. Aber wenn sie die grüne nicht mag, muss sie sie auch nicht anziehen. Zum Glück hat sie einen Kleiderschrank voller Optionen.

Und ein Bett bekommt sie natürlich auch. Wenn sie denn mal weiß, was sie wirklich will. Sobald sie das weiß, werden wir ihr auch zeigen können, dass es auch im Selbstbau genau so werden kann, wie sie es sich ausmalt.

Am Einfachsten ist es wohl, wenn sie ihr Bett allein kaufen kann. Im Baumarkt. Aus Holz, Schrauben und Werkzeug. Und im Stoffladen, ein Vorhang. Wenn sie denn noch einen will.


Dieser Artikel ist mein Beitrag zum [.txt] Projekt. Ich freue mich schon auf die anderen Inspirationen.

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